Die erste BFSG-Abmahnung kam im August 2025 — kaum sechs Wochen nach Inkrafttreten. Bis Ende 2025 berichteten Anwälte für Barrierefreiheitsrecht in ganz Deutschland von einem stetigen Strom von Abmahnungen gegen Online-Shops mit offensichtlichen Verstößen. Bußgelder der MLBF-Vollzugsbehörde folgten Anfang 2026. Dies ist kein theoretisches Risiko mehr.
Die BFSG-Sanktionsstruktur: §27
§27 BFSG stuft Barrierefreiheitsverstöße als Ordnungswidrigkeiten ein. Standardverstöße: bis 10.000 Euro — fehlende Barrierefreiheitserklärung, einzelne WCAG-Fehler. Schwere/wiederholte Verstöße: bis 100.000 Euro — systematische Nicht-Konformität, vorsätzliche Missachtung. Marktzugangsbeschränkungen: Verbot des Inverkehrbringens nicht konformer Produkte. Bußgelder werden pro Verstoß berechnet.
Abmahnungen: Der Durchsetzungsmechanismus
Das Abmahnungssystem nutzt das UWG. Jeder Wettbewerber kann eine Abmahnung senden. Eine Abmahnung verlangt: sofortige Unterlassung, unterschriebene Unterlassungserklärung mit Vertragsstrafe und Erstattung der Anwaltskosten (1.000-3.000 Euro pro Brief). Die Vertragsstrafe-Klausel ist der teure Teil: 2.500-10.000 Euro pro zukünftigem Verstoß.
Was Abmahnungen tatsächlich kosten
Typische Kosten einer einzelnen Abmahnung: Anwaltskosten des Absenders 1.000-3.000 Euro, eigene Rechtsberatung 500-2.000 Euro, Behebungskosten 2.000-15.000 Euro, Risiko Vertragsstrafe 2.500-10.000 Euro pro zukünftigem Verstoß. Gesamtkosten: 3.500-20.000 Euro pro Abmahnung. Zum Vergleich: proaktive Compliance kostet 5.000-30.000 Euro für ein vollständiges Audit.
Wer verschickt BFSG-Abmahnungen?
Drei Gruppen: Direkte Wettbewerber — häufigste Quelle, besonders unter Shops in derselben Produktnische. Verbraucherschutzorganisationen — Verbraucherzentralen haben BFSG-Verstöße in ihre Überwachung aufgenommen. Spezialisierte Kanzleien — systematisches Scannen nach Verstößen, wie bei DSGVO und Verpackungsgesetz zuvor gesehen.
Behördliche Durchsetzung durch die MLBF
Die MLBF in Magdeburg ist für Produktanforderungen zuständig. Dienstleistungsanforderungen werden von den Landesbehörden durchgesetzt. Behördliche Durchsetzung beginnt typischerweise mit einer Beschwerde, gefolgt von Untersuchung, Verwarnung mit Frist und dann erst einem Bußgeldverfahren. Unternehmen, die kooperieren, erhalten selten Höchststrafen.
So schützen Sie Ihr Unternehmen: Verteidigungsstrategie
Schritt 1: Umfassendes Barrierefreiheits-Audit mit Web Accessibility Checker durchführen. Alles dokumentieren.
Schritt 2: Einfache Probleme sofort beheben: fehlende Alt-Texte, fehlende Formularlabels, unzureichender Kontrast.
Schritt 3: Erklärung zur Barrierefreiheit veröffentlichen mit dem Generator.
Schritt 4: Compliance-Bemühungen dokumentieren für den Fall einer Behördenanfrage.
Schritt 5: Kontinuierliche Überwachung einrichten.
Schritt 6: Abmahnungen sorgfältig beantworten — nicht ignorieren, Unterlassungserklärung nicht ohne anwaltliche Prüfung unterschreiben.
Der Zeitplan: Was in 2026 und danach zu erwarten ist
Q2 2026: Anhaltende Abmahnungen gegen offensichtliche Verstöße. Erste formelle MLBF-Durchsetzungsentscheidungen.
Q3-Q4 2026: Systematisches Scannen beginnt. Spezialisierte Kanzleien entwickeln automatisierte Tools zur Massenidentifikation von Verstößen.
2027: Gerichtspräzedenzfälle etablieren Bußgeld-Benchmarks. Compliance-Raten steigen deutlich.
Das Zeitfenster für proaktive Compliance schließt sich. Jeder Monat Wartezeit erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Abmahnung.